Das Bedürfnis nach gemeinsam verbrachter Zeit wächst

04.08.2012

DOSB-Familienbotschafter Dr. Harald Seehausen war bei der Sportabzeichen-Tour 2012 in Bochum dabei, wo der Schwerpunkt auf dem Thema „Familie und Sport“ lag.

Dr. Harald Seehausen beantwortete als DOSB-Familienbotschafter bei der Pressekonferenz in Bochum Fragen zum Thema "Familie und Sport". (Foto: privat)

Noch bis Ende 2012 läuft das Projekt „Sport bewegt Familien – Familien bewegen den Sport“. Vier Familienbotschafter hat der DOSB im vergangenen Jahr berufen. Neben Anke Feller, Ulrike Seifert und Manfred Wegner gehört Harald Seehausen zum Quartett.

Der promovierte Sozialwissenschaftler und Diplompädagoge ist neben seinen Tätigkeiten als Innovationsberater und langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter der Regionalen Arbeitsstelle des Deutschen Jugendinstituts in Frankfurt Initiator zahlreicher Kooperationsprojekte zwischen Wirtschaft und Jugendhilfe sowie Leiter der Frankfurter Agentur für Innovation und Forschung (FAIF). Vielfältige Erfahrungen im Sport konnte Harald Seehausen auch als Jugendleiter und Vorstandsmitglied der SG Bornheim Grün-Weiß (dort initiierte er das Kinder- und Familienzentrum des Vereins und einen pädagogischen Mittagstisch) und als Mitglied der Frankfurter Sportkommission sammeln.

Herr Seehausen – wenn Sie sich an den Sportabzeichen-Tour-Stopp am 29. Juni in Bochum erinnern, was ist Ihnen zum Thema „Familie und Sport“ als besonders gelungen aufgefallen?

Besonders positiv ist mir das ehrenamtliche Engagement quer durch alle Altersstufen in Erinnerung geblieben. Hier waren Jugendliche, Eltern und Ältere generationenübergreifend aktiv. Und das ist auch ein großes Anliegen für uns als Familienbotschafter vom DOSB. Wir wollen Akzente für generationsübergreifende Angebote setzen – im Sport, aber auch gesellschaftspolitisch.

In Bochum war zur Pressekonferenz eine Familie eingeladen, die seit mehreren Jahren immer wieder gemeinsam das Sportabzeichen macht. Warum ist gemeinsames Sporttreiben gerade für Familien so sinnvoll und wichtig?


Am Beispiel dieser Familie ist deutlich geworden, welche Wirkung eine aktive Teilnahme von Kindern, Jugendlichen und Eltern haben kann. Die Zeit, die Familien gemeinsam verbringen, wird immer knapper. Sportvereine haben hier eine wichtige Funktion im nachbarschaftlichen Zusammenhang. Sie dürfen sich nicht nur auf ihre Fachkompetenz konzentrieren, sondern sollten sich auch an den Bedürfnissen von Familien orientieren. Die Rolle, die Sportvereine im Rahmen der Eltern-Kind-Beziehung oder Großeltern-Kind-Beziehung spielen, ist wichtig, weil immer mehr Ältere auch aktiv und beweglich sind und daran Spaß haben.

Bei meinem Verein, der SG Bornheim Grün-Weiß, haben wir deshalb ein Familienzentrum aufgebaut. Das Bedürfnis nach gemeinsamen Familienaktivitäten wächst, gerade weil der Stress am Arbeitsplatz und die Zeitnot zunehmen. Und das gilt nicht nur für Erwachsene. Auch Kinder leiden unter steigendem Leistungsdruck in der Schule und in der Freizeit, hier können Sportvereine mit gezielten Angeboten eine wichtige Lücke schließen. Bei uns gibt es zum Beispiel ein Familiensport-Café, ein gemeinsames Mittagessen für Kinder im Alter von sechs bis 12 Jahren, Hausaufgabenbetreuung und Ferienangebote.

Viele Sportvereine, die mit dem Gedanken spielen ihr Angebot im Familiensport auszubauen, fragen sich wie sie das finanzieren sollen. Welche Tipps haben Sie für sie?

Hier sind Kooperationen mit ortsansässigen Firmen eine ganz wichtige Möglichkeit. Obst- und Gemüsehändler, der Bio-Fleischer aus der Nachbarschaft oder die Bäckerei um die Ecke engagieren sich hier gerne mit Spenden. Sie wollen in ihrem direkten Umfeld eine gute Atmosphäre bekommen, von der am Ende alle etwas haben.

Oder man sucht die Zusammenarbeit in lokalen Bündnissen für Familien, bei denen oft große Unternehmen, das Sportamt oder andere Institutionen mitmachen, die sich gerade für die Integration ausländischer Familien einsetzen. Und dann gibt es noch die Möglichkeit der Stiftungen. Für alle diese Maßnahmen brauchen Vereine ein interessantes Marketing.

Wir haben aber auch sehr gute Erfahrungen damit gemacht, die Hobbys und Talente von Müttern, Vätern und Großeltern in den Verein mit einzubinden, die wir regelmäßig in Mitgliederbefragungen abfragen. Oder man arbeitet mit Trägern aus der Erwachsenenbildung wie Volkshochschulen, Freiwilligenagenturen und ähnliche Gruppierungen zusammen, die öffentliche Aufgaben übernehmen. Hier gibt es viele Finanzierungsmöglichkeiten, an die Vereine vielleicht gar nicht denken.

Und dann sind natürlich auch die eigenen Mitglieder eine wichtige Unterstützung. Wir haben das bei Aktionen gemerkt, wie unserem internationalen Familientag. Da haben wir alle Familien zu einem gemeinsamen Frühstück eingeladen, jede hat Spezialitäten aus der eigenen Heimat mitgebracht, die Älteren haben von Spielen und Traditionen aus ihrer Kindheit und Jugend erzählt – so kommt man miteinander in Kontakt. Und es entsteht eine ganz natürliche Unterstützung innerhalb der Gruppe, zum Beispiel über Fonds, in die wohlhabende Eltern anonym spenden, um ärmere Familien aus dem Verein gezielt zu fördern.

Wenn es darum geht, Familien für ein gemeinsamen Sport, wie das Training zum Sportabzeichen zu gewinnen, wer schwächelt mehr bzw. wer findet mehr Ausreden – die Kinder oder die Eltern?


Das hängt ganz stark von der Motivation ab, also von der Ansprache der Familien vor Ort. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, die Angebote gezielt auf den Sonntagvormittag zu legen, wo Zeit besteht und auch positiver Druck von den Kindern auf die Eltern ausgeübt wird, etwas gemeinsam zu unternehmen. Wir geben die Einladungen dazu auch meistens direkt den Kindern mit, die ihre Familie dann daran erinnern, dass doch an dem Tag etwas Gemeinsames geplant war. Außerdem ist es ein Anreiz, wenn das ganze auch mit einem gemeinsamen Essen, also Frühstück oder Buffet, verbunden wird.

Welche Motivationstipps haben Sie für Familien, um gemeinsam Sport zu treiben und das Sportabzeichen anzugehen?

Im Mittelpunkt sollten die gemeinsame Aktivität und der Spaß stehen, nicht unbedingt die Leistung. Aber natürlich freuen sich gerade Kinder, wenn sie ihre Eltern öffentlich auszeichnen dürfen. Das Sportabzeichen eignet sich aus meiner Sicht besonders gut als Einstieg, weil es viel Tradition hat, in andere Wettbewerbe eingeflossen ist und ständig weiter entwickelt wurde. Außerdem sind die Regeln ziemlich unkompliziert, schließen aber Spaß und Leistungswillen mit ein. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist es, wenn über den Sport Freundschaften zwischen Familien entstehen, wie das Beispiel der Sportabzeichen-Familie aus Bochum gezeigt hat.

Wie können Sportvereine von Familiensportangeboten profitieren?

Da spielt die demografische Frage eine wichtige Rolle, schließlich gibt es in Deutschland immer mehr Regionen, in denen die Geburten zurück gehen und das bedeutet auch einen Rückgang der Mitglieder und einen Rückgang des Engagements für Kinder, nicht nur für eigene, sondern auch für fremde. Der Verein bekommt durch Familiensport einen höheren Stellenwert in dem sozialen Umfeld, deshalb sind Kooperationen mit Kindertagesstätten, Grundschulen und vor allem Ganztagsschulen und der offenen Kinder- und Jugendarbeit so wichtig. Wenn der Verein sich hier einbringt und Angebote macht, steigt sein soziales Ansehen und damit steigen auch die Mitgliederzahlen.

Wie halten Sie es selbst mit dem Familiensport?

Meine Kinder sind alle bei Sportvereinen tätig. Inzwischen habe ich drei Enkelkinder und bei uns in der Familie sind Fußball und Schwimmen besonders beliebt. Ich jogge mit meiner Partnerin regelmäßig im naheliegenden Park; trainiere aber auch die Fünfjährigen, die unter „Wilde Kerle“ laufen, in unserem Fußballverein. Hier ist auch meine „Großfamilie“ mit zahlreichen Menschen, die sich für den Familiensport aktiv einsetzen. Man kann also durchaus sagen – Sport bewegt unsere Familie.

Herr Seehausen, vielen Dank.


Quelle: wirkhaus

 Kategorie: Sportabzeichen-News