DOSB-VDS-Journalistenpreis: Auf dem Weg zur Mission Gold

01.04.2014

Mit diesem Beitrag gewann Ingo Feiertag (Allensbach) den 3. Preis im vom DOSB geförderten Berufswettbewerb des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS) zum Thema „100 Jahre Deutsches Sportabzeichen“.

Beim Deutschen Sportabzeichen kommt es auf Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und Koordination an. Foto: LSB NRW

Zuweilen sagen zwei Augenpaare mehr als Tausend Worte. Josephine Auer und Hanna Schuler sitzen im Becken des Stockacher Schwimmbads, nur die Köpfe von der Nase an aufwärts ragen aus dem Wasser. Und die Augen, sie strahlen. Die beiden zehnjährigen Mädchen sind überglücklich. Happy und geschafft. Am Morgen hatten sie noch über das „Seepferdchen“ gescherzt, jetzt sind sie wahre Goldfische. Binnen zwei Stunden haben sie die vier Prüfungen für das Deutsche Sportabzeichen absolviert – mit Bravour.

Beim Sportabzeichen gehe es „ums langfristige Trainieren und darum, regelmäßig Sport zu machen“, hatte jüngst Frank Busemann, Olympiazweiter im Zehnkampf von 1996, dieser Zeitung erklärt. Eine Art Belohnung fürs Aktivsein. Also wollten wir es wissen: Schaffen zwei sportlich talentierte Kinder ohne harte Vorbereitung das Abzeichen? Die Probandinnen waren schnell gefunden. Josephine Auer hat in diesem Jahr für die TG Stockach im Schwimmen die Stadtmeisterschaft gewonnen, sie reitet und spielt Fußball und Volleyball in der Schule; ihre Klassenkameradin Hanna Schuler ist beim TV Jahn Zizenhausen in der Aerobic und im Turnen aktiv, auch sie reitet und spielt in der Volleyball-AG.

Vor sechs Wochen wurden die Grundschülerinnen erstmals mit dem ehrgeizigen Projekt konfrontiert – und sie waren sofort begeistert. Ein Blick auf die Unterlagen mit den Anforderungen genügt. Sie schauen sich an. Nicken. „Wir würden uns jetzt gerne zurückziehen und beratschlagen“, sagt Josephine. Schon sind sie weg. Als sie zurückkommen, wissen sie ganz genau, was sie wollen. Die höchsten Anforderungen des Sportabzeichens erfüllen. Der Startschuss zur Mission Gold.

Erster Trainingstag: Koordination. Die ziemlich besten Freundinnen sind sich schnell einig, dass die Disziplin Zonenweitsprung genau ihr Ding ist. Zwei Sprünge mit dem rechten und zwei mit dem linken Bein müssen sie absolvieren. Punkte gibt es für die Weiten, am Ende wird addiert. Joachim Auer, Josephines Vater und selbst Sportlehrer, gibt Anweisungen. „Nehmt nicht zu viel Anlauf, sonst seid ihr zu schnell müde“, sagt er und gibt Tipps zum richtigen Absprung. Die Mädchen springen schnell immer besser, auch das richtige Landen im Sand will gelernt sein. Plumpsten Hanna und Josephine anfangs noch unbeholfen auf den Hintern, so wirkt sich am Ende die etwas eigenwillige Technik „Gesicht voraus“ wenigstens nicht aufs Resultat aus.

Zweiter Trainingstag, Thema Kraft: Die Barrenübung, die packen wir, sind sie sich sicher. Am Gerät sieht es dann aber ganz anders aus. Die Kraft für den richtigen Schwung fehlt und sie trauen sich nicht, nach hinten zu grätschen. Also schnell eine Alternative finden. Schlagballwurf. Das klappt prima. Hanna kommt sofort über 20 Meter – 18 würden für Gold reichen. Josephine muss sich ein, zweimal einwerfen, dann schafft sie es auch. Da Ausdauer mit Radfahren feststeht und die Schnelligkeit im „Pflichtfach“ Schwimmen nachgewiesen werden soll, steht das Programm nun fest.

Der große Tag der Abnahme: Alles in so kurzer Zeit zu absolvieren, ist recht ungewöhnlich. Seit dem letzten Test haben Josephine und Hanna die Bundesjugendspiele zum Training genutzt. Genau so soll es sein für Kinder: Nicht hart daraufhin arbeiten, aber diejenigen belohnen, die das ganze Jahr Sport treiben. Eine Prüfung ist immer etwas Besonderes. Erst recht unter den strengen Augen von Jürgen Rössler, seines Zeichens freier Mitarbeiter in der Sportredaktion und Lehrer mit der Lizenz fürs Sportabzeichen. Es ist eine einfache Rechnung: Gold gibt drei Punkte, Silber zwei und Bronze einen. Um am Ende das goldene Sportabzeichen zu bekommen, müssen Hanna und Josephine in drei der vier Disziplinen die maximale Punktzahl erreichen, um auf die geforderten elf zu kommen. Einen silbernen „Ausrutscher“ dürfen sie sich leisten. Die Mädchen sind nervös. Josephine fällt beim Aufwärmen der Ball vor Aufregung aus der Hand. Dann ist sie aber auf den Punkt da, wirft fast aus dem Stand 21,30 Meter – Gold. Hanna legt mit 22,10 Metern nach. Auch Gold. Die beiden Zehnjährigen sind so motiviert, dass sie noch einen Versuch wollen, um sich zu steigern. Beide kommen auf 21,40 Meter – quasi Doppelgold.

Beim Zonenweitsprung gibt es maximal vier Punkte pro Sprung. In ihren vier Versuchen, je zwei mit dem rechten und zwei mit dem linken Bein, müssen die Mädchen auf zwölf von 16 möglichen Punkten kommen. Jetzt gilt’s, Josephine fängt wieder an. Sie konzentriert sich, atmet tief ein – und überbietet prompt die Bestmarke, mit links. Bei den anderen Sprüngen reichen ihr jeweils drei Zähler. In der Summe macht das 13. Gold. Hanna ist ganz souverän. Mit drei Versuchen erreicht sie die nötigen zwölf Punkte, doch sie will auch den vierten Sprung. Am Ende kommt sie auf alle möglichen Punkte – natürlich Gold.

Hanna freut sich schon auf die Disziplin Fahrrad. Kein Wunder, radelt sie doch immer zur Schule. Josephine hat extra eine Trainingseinheit im Sattel absolviert, sodass beide auch hier mit Gold glänzen. Die Strecke ist nicht ganz flach, führt vom Osterholz an der Mahlspürer Aach entlang bis kurz hinter Frickenweiler und zurück. Gefordert sind 39,30 Minuten, nach exakt 31 sind die beiden durch. Es blieb sogar noch Zeit zum pfeifen und plaudern. Drittes Gold. Etwas Bammel hat Hanna aber jetzt schon vor dem Finale im Wasser. „Ich bin keine Schwimmerin“, sagt sie. Obwohl vor der letzten Disziplin klar ist, dass beiden Silber reicht dank der bis jetzt erreichten Maximalausbeute. 25 Meter sind sie noch entfernt von ihrem ersten Sportabzeichen. 32,5 Sekunden sind für Gold gefordert. Hanna fängt an. Sie schwimmt im Bruststil und kommt nach 36,8 Sekunden völlig fertig ins Ziel und keucht – Silber. Eigentlich war es nur der unverbindliche Probedurchgang. Noch ein Versuch für vier Punkte, wie beim Werfen? Hanna schüttelt nur den Kopf. Sie hat das Sportabzeichen in Gold ja trotzdem sicher. Dann kommt Josephine, die Stadtmeisterin. Sie krault mit einer Supertechnik wie eine Maschine durchs Wasser. Locker und leicht kommt sie in 24,8 Sekunden zu Gold. Optimale Ausbeute. Mit dieser Zeit ist sie nicht einmal anderthalb Sekunden langsamer als ein 20 Jahre alter Mann für Gold benötigt. Geschafft!

Jetzt sitzen die Freundinnen im Wasser und lachen, albern herum. „Es hat total Spaß gemacht“, sagt Josephine und schnauft durch. „Normalerweise macht man zumindest Schwimmen an einem Extratag“, sagt Prüfer Rössler, „das war ein echtes Monsterprogramm.“ Vier schwere Aufgaben in zwei Stunden haben Hanna und Josephine meisterlich gelöst. Mission Gold erfüllt. Bravo, ihr Sportskanonen.

(Quelle: Ingo Feiertag/Südkurier)

Hinweis: Dieser Beitrag von Ingo Feiertag (37) ist am 20. Juni 2013 im Südkurier erschienen. Damit gewann der Allensbacher den 3. Preis im vom DOSB geförderten Berufswettbewerb des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS) zum Thema „100 Jahre Deutsches Sportabzeichen“. Der Beitrag ist nicht zur Weiternutzung für Vereine und Verbände freigegeben.