DOSB/VDS-Journalistenpreis: „War anstrengend, Mama“

01.04.2014

Mit diesem Beitrag gewann Werner Langmaack (Hamburg) den vom DOSB geförderten Berufswettbewerb des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS) zum Thema „100 Jahre Deutsches Sportabzeichen“.

Wichtige Utensilien für jung und alt beim Sportabzeichen-Wettkampf: Sportschuhe und Trinkflasche. Foto: LSB NRW

Kaum in die Zielgeraden eingebogen driftet Sophie Paepcke von der Innenbahn in die dritte Spur. Jetzt gibt sie alles. Das Finish. Die anderen aus ihrer Sportgruppe bei Blau-Weiß Schenefeld stehen neben der Tartanbahn, applaudieren, feuern sie an. Noch zehn Schritte. Die 800 Meter sind geschafft: 55 Sekunden unter der geforderten Behindertennorm für das Deutsche Sportabzeichen in Gold. Die 15-Jährige mit Down-Syndrom ist auf dem besten Weg zu ihrem sechsten „Breitensportorden“, wie die Auszeichnung gern genannt wird. Ein schöner Schub fürs Selbstbewusstsein. Aber erstmal benötigt sie jetzt einen Schluck aus der Pulle mit isotonischem Energydrink: „War anstrengend, Mama, wo ist die Flasche?“

Auch wenn sie nicht eloquent artikulieren kann, was der Sport ihr bedeutet, es lässt sich schon am Dresscode ablesen. Enge, windschlüpfrige Laufhosen, ein hautnahes Shirt und an den Füßen knallbunte Running-Schuhe in schwarz-rot-gelb. „Ich war ja erst etwas erschrocken, als Sophie mit dem Wunsch nach diesen Dingern ankam. Aber sie war nicht davon abzubringen“, erzählt Mutter Jutta. Die Anschaffung hat ihre Berechtigung. Laufen ist Sophies Lieblingsdisziplin. Beim Werfen oder Springen braucht sie einige Versuche, ehe sie die Koordination der Bewegungen hinbekommt.

Regelrecht überredet hat die Mutter ihre Tochter zum Sport: „Ich musste drängeln und triezen, ehe ich sie so weit hatte.“ Jeder weiß: Sich zu bewegen, kostet mentale Überwindung lähmender Bequemlichkeit. Das ist geistig Behinderten objektiv schwierig zu vermitteln. Bald aber spürte Sophie, dass Körper und Seele denjenigen belohnen, der sich anstrengt. Es hilft ihr, dass auch die zwei Jahre ältere Freundin Kim regelmäßig das Sportabzeichen macht. „Gut, dass es spezifische Bedingungen für Behinderte gibt, sonst wären die meisten überfordert“, sagen die Funktionäre von Blau-Weiß Schenefeld. Gemeinsam mit den Behinderten filtern sie aus dem breit gefächerten Katalog möglicher Übungen heraus, welche am besten passen, um am Ende den Erfolg feiern zu können.

Für die Sportabzeichen-Gruppe Schenefeld sind körperlich oder geistig Beeinträchtigte ein Gewinn, erklären die Betreuer. Deren Teilnahme helfe, Vorurteile gegenüber Behinderten abzubauen. Auch sei es schon vorgekommen, dass ein zuschauender Gesunder sich herausgefordert gefühlt und gedacht habe: „Wenn die das bringen, müsste ich es wohl auch schaffen.“ Jutta Paepcke sagt: „Hier guckt niemand schräg wegen Sophies Behinderung.“ Das Mädchen gehört einfach dazu, so, wie es ist.

Sophie und Kim repräsentieren gleich drei unterproportional vertretene Gruppen unter den Anwärtern aufs Sportabzeichen: Sie sind geistig behindert, jung und weiblich. Teenager verirren sich ansonsten selten auf Sportanlagen, wenn fürs Abzeichen geübt wird. Der Anteil Jugendlicher läge sogar noch niedriger, wenn nicht manche Lehrer mit kompletten Klassen kämen, um das Sportabzeichen abzulegen. In der Regel steigt das Interesse erst jenseits der 40. Dann fragen sich viele, wie sie körperlich drauf sind für die Spätphase ihres Erwerbslebens und die Zeit danach. Dann nutzen sie den Katalog der Disziplinen und Anforderungen als Fitnesstest.

Die Majorität ist also betagter, manche sind beinahe steinalt. Beispiel: Horst Toborg. Dass er 80 ist, möchte man kaum glauben. Er wirkt sprichwörtlich „fit wie ein Turnschuh“. Der Lohn für ein konsequent sportives Leben. Toborg macht das Sportabzeichen in diesem Jahr zum 62. Mal und ist damit Hamburger Rekordhalter. 1951 ging es los. „Nicht mal als ich in den USA studierte, entstand eine Lücke, weil ich durch Zufall zwei Landsleute kennen lernte, die berechtigt waren, dort, in Detroit, das Deutsche Sportabzeichen abzunehmen.“ Zuweilen wurde es terminlich eng: „Einmal hätte ich es fast vergessen. Da habe ich das Schwimmen erst Silvester geschafft.“ Nur für das Jahr seiner Hochzeit kann er keine Urkunde vorweisen.

Während er lange Jahre das Sportabzeichen quasi nebenbei erwarb, ist nun ein spezifischer Ehrgeiz gewachsen. Toborg möchte wissen, wie lange es noch funktioniert. 70mal? 75mal? „Ich habe mich sogar mal erkundigen wollen, wie häufig Richard von Weizsäcker es gemacht hat. Konnte mir aber keiner sagen.“

Ursprünglich sollten für Toborg die jeweiligen Leistungen als Seismograph des eigenen körperlichen Verfalls dienen. Eine denkbar ungeeignete Methode. Denn Sport wirkt dieser Entwicklung ja diametral entgegen. Außerdem war die Vergleichbarkeit nicht immer gegeben, da der Trainingsumfang differierte, und er auch nicht immer dieselben Disziplinen bei der Abnahme wählte. Unabhängig davon: Bis heute hat der Mann keinen nennenswerten Verfall an sich beobachten können.

Wie promovierte Geisteswissenschaftler die Lösung eines Kreuzworträtsels als ein eher flaues Bildungserlebnis empfinden, werden Fitnessjunkies und Ultramarathonläufer den Anforderungskatalog fürs Sportabzeichen als lächerlich ansehen. Aber sie gehören ja auch nicht zu den Zielgruppen. Im Visier sind sportferne Milieus. Die geforderten Leistungen sollen mit ein wenig wöchentlichem Training erreichbar sein, nicht unter Einsatz leistungssteigernder Präparate.

Szenenwechsel. Sportanlage des SV Lurup. Weitsprunggrube. „Nein, so geht es nicht, Ewald. Diesen Versuch messen wir erst gar nicht.“ Willi Steineckert passt auf, dass die Regeln eingehalten werden. Proband Ewald war weit übergetreten, nicht mal die Hacke hatte mehr Kontakt zum Brett. So unerbittlich, wie es in diesem Moment scheint, ist der Obmann jedoch mitnichten. Schon beim nächsten Versuch – erneut leicht übergetreten – lässt er Milde walten und messen. Steineckerts Maxime scheint zu lauten: Motivieren statt monieren. Niemand soll scheitern, weil ihm ein paar Zehntel beim 100-Meter-Lauf fehlen oder ein paar Zentimeter beim Kugelstoßen. Das Sportabzeichen unterliegt keiner gestrengen, unbarmherzigen  Prüfungsprozedur.

Seit vierzig Jahren misst Steineckert Zeiten und Weiten. Rund 10.000 Abnahmen sind im Laufe der Zeit zusammen gekommen. Er kennt seine Pappenheimer. Die meisten gehen‘s gelassen an, einige aber wollen verbissen ihre Leistungen steigern. Wenn sie im Standweitsprung 1,30m geschafft haben, wollen sie beim nächsten Versuch mindestens einen Zentimeter weiter hüpfen. „Ich hatte mal eine alte Dame, die wenig vornehme Flüche ausstieß, wenn sie an ihre Marken vom Vorjahr nicht herankam“, berichtet der Obmann. Er versteht sich als Botschafter des Sportabzeichens, wirbt und informiert auch in Schulen für die Idee.

Die Anforderungen sind so kalkuliert, dass jeder halbwegs Bewegliche sie mit ein bisschen Vorbereitung zu wuppen vermag, manche gleich auf Anhieb. Es gibt aber auch Typen, die sich verschätzen. „Eine frühere Oberligamannschaft vom SV Lurup“, erinnert sich der 77-Jährige, „hat mal gelästert, das sei doch alles Pipifax, was wir hier machen.“ Da hat er gekontert, sie sollten keine Sprüche klopfen, sondern es erstmal selbst machen. Resultat: Nur drei Kicker bewältigten die Aufgaben. Der Rest blieb an der Hochsprunglatte hängen, stieß die Kugel nicht weit genug oder verhungerte auf der Langstrecke.

In Steineckerts Trainingsgruppe ist der Frauenanteil relativ hoch, was zur Folge hat, dass mitunter angebandelt wird. „Drei Paare haben wir hier schon verkuppelt“, freut sich der Obmann, „zwei davon haben geheiratet und sind heute noch zusammen.“ Als Kontaktbörse taugt das Sportabzeichen also auch noch.

(Quelle: Werner Langmaack/Welt am Sonntag)

Hinweis: Dieser Beitrag von Werner Langmaack (64) ist am 8. September 2013 in der Welt am Sonntag erschienen. Damit gewann der Hamburger den 1. Preis im vom DOSB geförderten Berufswettbewerb des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS) zum Thema „100 Jahre Deutsches Sportabzeichen“. Der Beitrag ist nicht zur Weiternutzung für Vereine und Verbände freigegeben.