Zeitiger kann man kaum beginnen

22.01.2014

Heinz Puhst aus Seesen in Niedersachsen legt das Sportabzeichen immer direkt nach dem Jahreswechsel ab.

Der Dorfteich, der als Schwimmbad fungierte und den Namen Reddekolk trägt. Hier machte Heinz Puhst die ersten Schwimmversuche für das Deutsche Sportabzeichen

Heinz Puhst 1964 als Postjungbote

Heinz Puhst bei der Bundeswehr

Heinz Puhst 2013 beim Radfahren (alle Bilder: privat)

Der 2. Januar ist für die meisten der Tag, an dem sie nach der Silvesterparty das erste Mal wieder die Kollegen treffen. „Gesundes neues Jahr“: diese drei Worte sind zu hören, egal wohin man kommt. Und genau diese drei Worte sind es, die Heinz Puhst jedes Jahr am 2. Januar antreiben, das Deutsche Sportabzeichen abzulegen. „Ich erledige das gleich zu Beginn des Jahres. Ich gehe damit auf Nummer sicher, falls ich gesundheitlich im Laufe des Jahres nicht dazu in der Lage sein sollte“, erzählt der 65-Jährige. Und er spricht aus Erfahrung. Anfang 2000 bekam Heinz Puhst eine künstliche Hüfte. Genau dieses Jahr war deswegen bisher das einzige, in dem er die Disziplinen nicht absolvieren konnte.

Schwimmübungen im Dorfteich

Es begann alles 1964. Heinz Puhst war Postjungbote, also in der Ausbildung zum Briefträger, sein Arbeitgeber hieß damals noch Bundespost. Weil es zum Dienstsport gehörte, stellte er sich den Bedingungen des Jugendsportabzeichens, stieß aber recht schnell an seine Grenzen. „Ich hatte Probleme mit dem Schwimmen. Ich hatte es als Kind zwar gelernt, konnte mich aber gerade mal über Wasser halten. Die 300 Meter Brustschwimmen für das Sportabzeichen schienen mir unerreichbar“, erzählt Heinz Puhst.

Aber er bekam unerwartet Unterstützung. „Unser Dienststellenleiter wollte unbedingt, dass ich das Sportabzeichen schaffe und bot mir Hilfe an – in Form seiner Frau. Ich trainierte im Dorfteich und sie war an meiner Seite. Auch bei der Prüfung schwamm sie neben mir her. Durch diese eher moralische Unterstützung habe ich es geschafft“, erinnert er sich heute. Richtig und sicher schwimmen lernte Heinz Puhst dann wenige Jahre bei der Bundeswehr.

Ein rundes Jubiläum und ein klares Ziel

Inzwischen ist Heinz Puhst seit vielen Jahren Sportabzeichenbeauftragter und Prüfer in seinem Heimatverein MTV Bornhausen. Als er diesen Posten übernahm, hatten die Sportabzeichen-Zahlen einen traurigen Negativrekord erreicht. „Wir hatten gerade mal 15 Abnahmen im Jahr, und ich wollte das ändern. Die Idee kam quasi im Krankenbett. Denn während Heinz Puhst im Januar 2000 wegen seiner Hüftoperation im Krankenhaus lag, entstand der Plan, das anstehende 90-jährige Vereinsjubiläum für seine Zwecke zu nutzen. „Da ich in diesem Jahr nicht an der Hauptversammlung teilnehmen konnte, schrieb ich einen Brief aus der Klinik und schlug vor, dass wir zum 90. Geburtstag 90 Sportabzeichen schaffen.“ Das kam an, und das Ziel wurde im MTV mit 120 Sportabzeichen sogar übererfüllt.

Eine Osterprozession a la Puhst

Nicht nur im Verein ist der 65-Jährige untrennbar mit dem Deutschen Sportabzeichen verbunden. Auch in seinem Dorf können sich die rund 1.000 Einwohner seinem Engagement kaum entziehen. Heinz Puhst weiß ganz genau, wann wer wie und wo die Prüfungen ablegt, wer spät dran ist oder mal wieder trainieren sollte. Und so wie bei ihm persönlich als fester Termin der 2. Januar für das Ablegen der Disziplinen steht, gibt es auch beim Rest der Familie ein Sportabzeichen-Datum.

„Jedes Jahr am Ostermontag, wenn alle Kinder und Enkelkinder bei uns sind, geht es auf den Sportplatz“, erzählt Heinz Puhst. Dass sie unterwegs sind, entgeht in der kleinen Gemeinde kaum jemandem. Denn sie sind nicht zu übersehen: 4 Töchter, 4 Schwiegersöhne und 4 Enkelkinder traben alljährlich zu Ostern durch den Ort, um gemeinsam das Deutsche Sportabzeichen abzulegen. Und das bereits seit 15 Jahren. Eine Ostertradition der etwas anderen Art. Sportlich eben.

Man muss schon etwas tun

Seit 2000 hat sich im MTV Bornhausen einiges getan. Es gibt neun Abteilungen und mit Drums Alive und Rope-Skipping auch Trensportarten, die vor allem immer mehr junge Leute anziehen. 2010 wurde das 100-jährige Jubiläum gefeiert, und heute hat der Verein rund 750 Mitglieder.

Heinz Puhst ist es gelungen, auch das Sportabzeichen zu einer festen Größe zu entwickeln. Er fährt sogar auf Feste und Veranstaltungen in der Umgebung, um die Werbetrommel zu rühren. Jedes Jahr in den Oster-, Sommer- und Herbstferien ist er außerdem für mehrere Tage eine Art Sportlehrer im Kinderhort der Stadt Seesen. Heinz Puhst zeigt den Kindern, dass Bewegung Spaß macht, trainiert mit ihnen Ausdauer, Koordination und Schnelligkeit. Und natürlich führt er sie auch an das Sportabzeichen heran. Mit Erfolg: bei 15 Teilnehmern im letzten Jahr haben 10 das Sportabzeichen geschafft.

Der 65-Jährige ist genau der richtige Motivator für den deutschen Fitnessorden. Und Heinz Puhst ist überzeugt von dessen Bedeutung und Wirkung: „Das Sportabzeichen ist kein Mitmach-Abzeichen, sondern ein Leistungsabzeichen. Man muss schon etwas tun, um die Bedingungen zu erfüllen. Dafür kann man dann aber auch stolz sein.“

Und man ahnt, dass der nächste Nachbar, der an seinem Haus vorbei radelt, vielleicht genau mit diesen Worten überzeugt wird und demnächst auch auf dem Sportplatz anzutreffen ist.

(Quelle: wirkhaus)

 Kategorie: Sportabzeichen-News