Prüfer mit Erfahrung - Interview mit Albert Hartmann, Vizepräsident des Behinderten-Sportverbands Niedersachsen
Die Prüfbedingungen für das Sportabzeichen für Menschen mit Behinderungen sind eine Wissenschaft für sich. Je nach Art und Schwere der Behinderung gibt es speziell ausgearbeitete Regeln für das Erlangen des Ehrenzeichens. Nicht jeder Prüfer, der sonst das Sportabzeichen abnimmt, darf deshalb auch Menschen mit Behinderungen prüfen. Dafür sind Schulungen und Lehrgänge Voraussetzung. Albert Hartmann, Vizepräsident des Behinderten-Sportverbands Niedersachsen hat viele Erfahrungen in diesem Bereich.
Herr Hartmann, Sie engagieren sich sehr dafür, dass auch Menschen mit Behinderung das Sportabzeichen ablegen können. Wie lange sind Sie in dem Bereich schon aktiv?
Das Deutsche Sportabzeichen nehme ich seit Juli 1963 ab. Im September 1993 habe ich mich dann durch die Teilnahme an einem zusätzlichen Lehrgang auch für die Abnahme des Sportabzeichens für Menschen mit Behinderungen qualifiziert. Darüber hinaus bin ich in Niedersachsen seit 1994 als Sportabzeichenreferent tätig. Zu meinen Aufgaben als Vizepräsident
"Breitensport" des Behinderten-Sportververbandes Niedersachsen gehört auch die Qualifizierung von Prüfern und Prüferinnen für das Deutsche Sportabzeichen.

Was waren die ursprünglichen Beweggründe für Ihr Engagement für das Sportabzeichen im Behindertensport?
Es gibt wohl kein Breitensportabzeichen, das in so umfassender Form die persönliche Fitness prüft und dokumentiert und so viele Menschen anspricht. Darüber hinaus spielte der Integrationsgedanke eine wichtige Rolle für mein Engagement. Gerade bei den zu absolvierenden Disziplinen für das Deutsche Sportabzeichen wurde eine Fülle von speziellen Bewegungstechniken für die unterschiedlichen Behinderungen entwickelt. Die Bedingungen der verschiedenen Disziplinen orientieren sich an denen für Nichtbehinderte. Insofern können behinderte- und nichtbehinderte Menschen gemeinsam für das Deutsche Sportabzeichen trainieren.
Wie viele Menschen mit Behinderung haben bei Ihnen schon das Sportabzeichen abgelegt?
Da ich in mehreren Regionen - auch im Ausland - das Sportabzeichen abgenommen habe, lässt sich die Zahl nicht mehr beziffern. Darauf kommt es meiner Meinung nach aber auch gar nicht so sehr an. Es geht doch vielmehr darum, dass die Teilnahme zur Erlangung des Deutschen Sportabzeichens den behinderten Sportlern Selbstvertrauen zur eigenen Leistungsfähigkeit gibt und sie aus einer vermeintlichen Isolierung herausführt.
Welche Bedeutung hat das Emblem für Menschen mit Behinderung aus Ihrer Sicht und Erfahrung?
Natürlich hat das Deutsche Sportabzeichen für Menschen mit einer Behinderung eine besondere Bedeutung. Wie auch bei den Nichtbehinderten haben unsere Sportlerinnen und Sportler sich gezielt auf die Abnahme vorbereitet. Wenn diese Vorbereitung in eine erfolgreiche Abnahme mündet, so erfüllt es die Sportler und Sportlerinnen mit Stolz und auch einem Glücksgefühl und stärkt sicher auch das Selbstvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit. Der LandesSportbund Niersachsen führt seit 1984 jährlich in einer zentralen Veranstaltung die "Albert-Lepa-Preisverleihung" durch. Dieser Preis wurde in Würdigung der außerordentlichen Verdienste des Ehrenvorsitzenden des LandesSportBundes um die Entwicklung des Sportabzeichens geschaffen. Bei der Veranstaltung im Jahre 2003 konnte dem 82 jährigen Dr. Georg Folz das goldene Sportabzeichen mit der Zahl 60, und dem 69 jährigen Günther Würfel das goldene Sportabzeichen mit der Zahl 50 verliehen werden. Beide behinderten Sportler haben sicherlich mit dieser herausragenden Leistung "Meilensteine" gesetzt.
Welche Voraussetzungen muss eigentlich ein Prüfer haben, um das Sportabzeichen bei Menschen mit Behinderung abnehmen zu dürfen?
Der Prüfer muss zuerst einmal im Besitz einer gültigen Prüfberechtigung des jeweiligen Landessportbundes sein. Außerdem sollte er an einer Zusatzausbildung teilgenommen haben. Darüber hinaus erfolgt die Qualifizierung durch Lehrgänge bei einem Landes-Behindertensportverband.
Was wird den Prüfern bei solchen Lehrgängen beigebracht?
Bei diesen Qualifizierungslehrgängen steht das Regelwerk "Deutsches Sportabzeichen für Menschen mit Behinderungen"im Mittelpunkt, ein 220 Seiten starker Ringordner. Die zukünftigen Prüfer für Menschen mit Behinderungen werden geschult in Sachen Behinderungsklassen, Medizinische Klassifizierungen, Technische Regeln, Systematik der Prüfungen, Ausschließungsgründe, Ausgleichsübungen, Gültigkeit der Lizenz und Zusammenarbeit mit dem Landessportbund.
Sind die sportlichen Anforderungen für das Sportabzeichen für Menschen mit Behinderung eigentlich hart? Oder schafft das so mancher auch ohne Training?
Auch für Menschen mit Behinderungen ist das Deutsche Sportabzeichen ein Leistungsabzeichen. Das bedeutet, dass ohne ein gezieltes Training die erforderlichen Leistungen nicht erbracht werden können. Das macht ja auch den besonderen Wert aus. Die Sportlerinnen und Sportler bereiten sich auf die Abnahme vor und dies von Jahr zu Jahr. Damit können wir auch unser Ziel, sie zu regelmäßiger Sportaktivität zu motivieren, erreichen.
Sind Sie der Meinung im Bereich Sportabzeichen für Menschen mit Behinderung wird schon genug getan? Oder wo liegen Herausforderungen bzw. Probleme in der Zukunft?
Natürlich können wir in diesem Bereich noch sehr viele Menschen mehr zur sportlichen Aktivität anleiten. Wir starten in Niedersachsen gerade eine Aktion, die Informationen zum Sportabzeichen in Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium an die Schulen zu bringen. Wir wollen die behinderten Kinder und Jugendlichen zur Teilnahme motivieren. Insbesondere das Sportabzeichen für Menschen mit einer geistigen Behinderung wird mit viel Engagement an einigen Schulen absolviert. Aber wir wollen erreichen, dass an jeder Schule für Behinderte die Sportabzeichen-Abnahme in jedem Schuljahr wichtiger Inhalt des schulischen Lebens wird. Auch im Erwachsenenbereich gibt es sicherlich noch ein großes Potential von behinderten Menschen, die wir mit der Idee des Sportabzeichens noch aus den heimischen vier Wänden auf den Sportplatz locken müssen. Auch die ehrenamtliche Mitarbeit als Prüfer oder Prüferin ist ein besonderes Anliegen des Behinderten-Sportverbandes Niedersachsen.
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