"Der Sportabzeichen-Tourstopp in Kiel 2014 stand unter dem Motto Inklusion."

Markus Rehm (Mitte) auf der Sportabzeichen-Tour in Kiel 2014 (Foto: DSM)

14.08.2014

Im Interview mit Paralympics-Sieger im Weitsprung Markus Rehm: "Gegenseitig voneinander lernen"

Herr Rehm, Sie haben in diesem Jahr in Ulm für Aufsehen gesorgt und mit sensationellen 8,24 Metern die Deutschen Meisterschaften im Weitsprung gewonnen. Wie viel Arbeit und Schweiß steckt hinter dieser Leistung? 

Markus Rehm (lacht): Mehr als manche denken. Es steckt sehr viel Arbeit und vor allem Zeit dahinter. Und zwar mindestens genauso viel, wie ein Leistungssportler ohne Behinderung investiert. 

Bei der Leichtathletik-EM in Zürich durften Sie trotz erfüllter Norm wegen möglicher Vorteile durch Ihre Prothese nicht starten. Wie haben Sie die Entscheidung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) aufgefasst? 

Rehm: Im ersten Moment war ich natürlich enttäuscht. Aber ich verstehe die Problematik und wusste, dass das eine schwierige Entscheidung werden wird. Sicherlich kann es sein, dass beim Absprung ein kleiner Vorteil durch die Prothese besteht. Aber man muss auch berücksichtigen, dass mich die Prothese an einer höheren Anlaufgeschwindigkeit hindert. Für die Zukunft hoffe ich, dass das berücksichtigt wird und dass dann eine bessere Lösung gefunden wird. 

Was sagen Sie zum Vorschlag des DLV, dennoch an Trainingslagern des Verbandes und regelmäßig bei den Nicht-Behinderten zu starten? 

Rehm: Das ist super. Genau darum ging es mir. Wichtig ist für mich nicht irgendein Titel, sondern die Möglichkeit, mich mit den Besten Deutschlands zu messen. Das war immer mein Ziel. Solange es nicht geklärt ist, ob ich nun einen Vorteil oder vielleicht sogar einen Nachteil habe, finde ich das eine ganz tolle Lösung. 

Ihre Tellnahme und Leistung in Ulm haben schon zuvor eine große Debatte um die Themen Inklusion und Fairness ausgelöst. Inwieweit ist Inklusion im Spitzensport trotz solcher Diskussionen und Ihrer Nicht-Nominierung möglich? 

Rehm: Inklusion im Leistungssport ist sehr wohl möglich. Es geht auch gar nicht darum, die Wettkämpfe zu 100 Prozent zu vermischen. Denn es werden im Behindertensport immer einzelne Ausnahmeathleten bleiben, die an die Leistungen von Nicht-Behinderten herankommen. Und wenn Inklusion innerhalb der Wertung nicht möglich ist, kann man es vielleicht außerhalb der Wertung machen. Das wäre ein schönes Zeichen und eine tolle Werbung für den ganzen paralympischen Sport. 

DOSB-Präsident Alfons Hörmann hat kürzlich gesagt: „Die Frage von Inklusion im Sport steht nicht am Ende, sondern am Anfang einer Entwicklung.“ Stimmen Sie dem zu? 

Rehm: Wir sind auf dem richtigen Weg und deutlich vorangekommen. Allein mein Start bei den Deutschen Meisterschaften war ein Fortschritt. Kontroverse Diskussionen gehören zu jeder Entwicklung dazu. Aber wir müssen jetzt aktiv weiterarbeiten und versuchen, zusammen mit den Verbänden vernünftige Lösungen zu finden. Alle Parteien sollten offener und kompromissbereiter sein. Dabei stehen auch wir paralympische Sportler in der Pflicht. Solange nicht geklärt ist, ob ein Vorteil da ist, müssen wir fair bleiben und unsere Leistung eben außerhalb der Konkurrenz abliefern. 

Wie läuft Ihr Trainingsalltag bei Bayer Leverkusen ab? Findet dort Inklusion statt? 

Rehm: In Leverkusen ist es nichts Außergewöhnliches, wenn Athleten beispielsweise mit Prothese durch die Gegend laufen. Keiner dreht sich nach mir um, wenn ich auf die Anlage komme. Und genau das ist Inklusion. 

Sie setzen sich als Botschafter für das Thema Inklusion im Breitensport und auf der Sportabzeichen-Tour des DOSB ein. Warum liegt Ihnen dieses Thema besonders am Herzen? 

Rehm: Wir alle machen den gleichen Sport. Also warum sollte man das trennen, nur weil jemand ein Handicap hat? Ich habe auf der Sportabzeichen-Tour ganz tolle Begegnungen gehabt, z. B. mit einem Förderschüler in Kiel. Beim Medizinball-Weitwurf meinte er zu mir: „Ich weiß zwar, dass ich eine geistige Einschränkung habe, aber irgendwie sind wir doch alle gleich.“ Er war total clever, hat Wörter verwendet, die ich nicht mal verwende. Von solchen Menschen kann jeder was lernen, wenn man offen und ohne Vorurteile mit ihnen umgeht. 

Sie sprechen den Tourstopp mit Schwerpunkt Inklusion in Kiel im Juli 2014 an. Wie haben Sie die Veranstaltung und die Stimmung dort erlebt? 

Rehm: Ich hatte den Eindruck, dass es keine großen Barrieren gab. Das Sportabzeichen wurde zusammen abgelegt. Mir persönlich hat die Veranstaltung riesigen Spaß gemacht. Vor allem der Umgang mit den Kindern. Viele kamen zu mir und haben mich ganz offen nach meiner Prothese gefragt. „Was hast Du denn da? Warum hast Du so was? Und tut das weh?“ Ohne jegliche Berührungsangst und ohne vorgehaltene Hand. Das fand ich ganz toll. 

Warum sollten künftig mehr Kinder und Jugendliche aus Förderschulen oder Behindertenwerkstätten das Sportabzeichen ablegen? 

Rehm: Erstens ist der Sport ein perfektes Feld, um Inklusion zu betreiben. Denn Sport verbindet, und jeder muss aktiv mitmachen. Zweitens ist das Sportabzeichen eine gute Sache, die sogar über Altersklassen hinausgeht. Ich habe schon Leute kennengelernt, die das Sportabzeichen seit 20 oder 30 Jahren ablegen. 

Warum ist es für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen wichtig, auch mit Nicht-Behinderten Sport zu treiben? 

Rehm: Um gefordert zu werden. Mein persönlicher Ansporn war es immer, mein körperliches Handicap auszugleichen. 

Wie kann man das Thema Inklusion im Breitensport auf und abseits der Sportabzeichen-Tour weiter voranbringen? 

Rehm: Meiner Meinung nach wird es vor allem darauf ankommen, Ängste abzubauen. Viele Menschen hatten zum Beispiel noch nie Kontakt zu Menschen mit geistigen Behinderungen. Das muss man einfach mal machen. Sich mit ihnen unterhalten und sich näher kommen. 

Inwiefern haben Sie in Ihrer Karriere Berührungsängste zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten erlebt? 

Rehm: Das war vor allem direkt nach meinem Unfall der Fall. Da wurde ich gefragt: „Kannst Du überhaupt noch schwimmen oder Fahrrad fahren?“ Ich habe nur gesagt: „Na klar, warum soll ich nicht Fahrrad fahren können?“ 

Sie haben schon kurz nach Ihrem Wakeboard-Unfall 2003, bei dem Sie Ihren rechten Unterschenkel verloren haben, wieder Sport getrieben und nie aufgegeben. Woher haben Sie Ihre Motivation genommen? 

Rehm: Jeder hat so nach so einem Unfall unterschiedliche Bedürfnisse und einen anderen Antrieb. Ich wollte nie Mitleid und mein Antrieb war der Sport. Denn Sport hat mich immer frei gemacht und mir auch in schwierigen Zeiten Halt gegeben. 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Rehm.

(Quelle: wirkhaus/DOSB)